less minimal - Architektur schafft Arbeit

less minimal - Architektur schafft Arbeit

Unternehmer schaffen Arbeit, der Staat schafft Arbeit, aber Architektur? Dem Architekten wird Arbeit gegeben durch eine Aufgabe, die aus vielerlei Gründen zu einem Bauwerk führen soll, so ist der allgemein anerkannte Ablauf. Folglich scheint in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und eben in den Regionen mit Bevölkerungsabwanderung die Rolle der Architektur leerzulaufen, gerät in den Geruch des Luxuriösen, jetzt nicht mehr an erster Stelle stehend, wie noch vor Jahren auf dem „Kutschbock" des wirtschaftlichen Aufschwungs der Wiedervereinigung eben auch die Architektur ganz vorn dabei war.

Die Situation der schrumpfenden Städte und Gemeinden ist Gegenstand zahlreicher Analysen und der Hintergrund. Es ist von Stadtumbau die Rede und von neuen Leitbildern für Städte, als könnten diese theoretisch herbeigedeutet werden, als könnten von Städtebauern Lösungen erhofft werden.
Eine Stadt ist nach jahrhundertelanger Geschichte mehr, als aktuelle Statistikdaten zu Altersstrukturen, Abwanderungen und Beschäftigungsverhältnissen signalisieren wollen. Eine Stadt ist auch Zeuge, Mitleidende oder Nutznießende von historischen Entwicklungen, die starken Amplituden ausgesetzt waren und konnte sich auf eine scheinbar unverlierbare Konstante verlassen, die Triebfedern und Spannkräfte nach Rückschlägen darstellten.

Die Wirtschaftskreisläufe des Lebens, der Bürger, der Menschen innerhalb und außerhalb einer Stadt. Die Wirtschaftskreisläufe von Produzieren, Kaufen, Verkaufen, Dienstleisten, Konsumieren, Ausstellen, Verbrauchen und Gebrauchen bilden den Motor der Stadt.
Es geht hier nicht um Wirtschaftspolitik, sondern darum, daß Architektur in diesem Zusammenhang eine spannende Rolle spielen kann. Eine bislang nicht erkannte Rolle. Architekturentwürfe können die Räume und Interventionen ausloten, um Wirtschaftskreisläufe zu starten. Die Betonung liegt auf „starten". Es wird durch minimale Intervention, erste Kristallisationspunkte, kleine Geschäfte und Low-tech-Angebote, ein Anfangspunkt geschaffen. Es soll ein Prozeß in Gang kommen, der in seiner Nachhaltigkeit weitere Funktionen anzieht.

Es geht aber auch um das neue Bild der Stadt, wenn es möglich ist, auf den vielen überbreiten Straßen, auf den übersehenen Restgrundstücken kleine Bauten, improvisierte Bauten zum Arbeiten und Wohnen zuzulassen. Warum ist so etwas nur anderswo möglich, muß man sich doch fragen, würden diese „kleinen" Bauten, „Zwischenbauten", nicht vielen Städten Leben zurückgeben?!
Wer baut denn Stadt: die Stadtplanung, der Bürgermeister, die Wohnungsunternehmen? Doch wohl der Bürger selber, der es aber heute nicht mehr kann, nicht mehr darf, weil die Politik keine Parzelle schneidet, um Freiheit zu geben. Die „Zwischenbauten" werden in der Zukunft eine große Rolle spielen. Architektur ist in diesem Sinne unkontextuell, weil auf den Zweck bezogen. Sie ist fragmentarisch, weil sie die Funktion des Wachstums erfüllt. Sie ist radikal, weil sie individuell ist. Sie paßt sich nicht an, weil sie gegen die Stadtplanung spielt. Sie bleibt, solange es ihrem Erbauer gefällt, aber sie rettet die Stadt.

Das Buch "less minimal - Architektur schafft Arbeit" fasst Studentenarbeiten und Aufgaben der letzten Jahre zusammen, denen, auf Grund eines Leitgedankens, eine Thesis so zu sagen vorangestellt war.

Was kann Architektur leisten, wenn kein Bauherr ein definiertes Raumprogramm bestellt und keine Nachfrage in Bezug auf Büro und Wohnen eine Richtung zur Bebauung weist – d.h. das wirtschaftliche Wachstum als Auslöser und Anlass des Bauens entfallen ist. Nachfragepolitik, die stadtbaulich als Motor gewirkt hat ist erkennbar erlahmt, zumindest in Landschaften der Schrumpfung.
Unter solchen Randbedingungen kann Architektur mehr leisten als Funktion und Zweckerfüllung. Architektur kann konzeptionell Wirtschaftskreisläufe antizipieren und diese als neue ‚Motoren’ der Realisierung in Bau-Abschnitten implantieren. Dies bedingt grundlegende Strategien.

Die Entwürfe zu den verschiedenen Themen loten dieses Konzept aus und sind daher in ihrer gestalterischen Ausprägung dem jeweiligen Verfasser verpflichtet aber gemeinsam ist ihnen der strategische Ansatz und das gedankliche Konzept, dass Architektur sich auch zu bauen lohnt, wenn Mangel herrscht: Mangel an Arbeit, Mangel an Arbeitsplätzen, die den Menschen ein selbstverantwortliches Leben geben können. Architektur schafft Arbeit in dem Sinne von Wirtschaftlichkeitskreisläufen. Architekten/innen sind die Erfinder von Projektentwicklungen, die städtisches Planen neu herausfordern, Grenzen überschreiten und die Agonie der leeren städtischen Kassen und der fehlenden Großinvestitionen überwinden wollen.